28. Juni 2020, 13:00 Uhr

Haiger

Stolpersteine gegen das Vergessen

Wer aufmerksam durch die Stadt läuft, findet seit vergangener Woche goldene Stolpersteine im Pflaster, die an das Schicksal der Haigerer Juden erinnern.
28. Juni 2020, 13:00 Uhr
Leonie Weyel (l.) und Annalena Dünker beim Vortragen des Gedichts »Theresienstadt«. Foto: privat

Den Weg dazu bereitete schon 1996 die damalige Klasse 10R1 der Johann-Textor-Schule. Damals wurde die Klasse von ihrer Lehrerin Martina Stettner unterstützt. In akribischer Recherchearbeit - es gabe noch kein Internet - hatten sie dafür den Lebens- und Leidensweg der betroffenen Menschen recherchiert und dokumentiert. Im aktuellen Schuljahr haben Schüler eines Religionskurses der Jahrgangsstufe 10 des Realschulzweigs mit Martina Stettner das Projekt wieder aufgegriffen.

Zum Auftakt der Verlegung der Stolpersteine lobte Haigers Bürgermeister Mario Schramm diese Arbeit und mahnte davor, dass Hass und Rassismus immer noch präsent sind. Das von Paten und durch Spenden finanzierte Projekt trage dazu bei, die Erinnerung an die Haigerer Juden wachzuhalten.

Haigers Stadtverordnetenvorsteher Bernd Seipel warnte zudem davor, dass Menschen mit anderer Religion und Hautfarbe in Deutschland nicht mehr sicher seien und sah die Steine als einen Beitrag, um »weitere Tragödien wie in Kassel, Halle und Hanau zu verhindern«.

Ehemalige beteiligt

Nils Fladerer, der vor 24 Jahren als Schüler am Projekt mitgearbeitet hatte, las den Text »Haltet das Gedenken wach« von Elie Wiesel. Renate Steinseifer vom Haigerer Geschichtsverein wies auf die Freude der Angehörigen über einen Ort des Gedenkens hin und stellte das Schicksal der Familie Hirsch vor, die in der Kreuzgasse 7 gelebt hatte.

Silvia Zimmermann-Hannig, eine andere ehemalige Schülerin, legte Rosen nieder und Tamara Kraus begleitet die Zeremonie mit dem Geigenstück »Hine Ma Tov«. Auch das jüdische Totengebet »Kaddisch« wurde gesprochen.

Am nächsten Verlegeort in der Hauptstraße 25 wurde die Geschichte von Irma Strauß und Jettchen Bornheim vorgestellt. Die Familie Strauß war nach Amerika emigriert, Irma bekam aufgrund ihrer geistigen Behinderung kein Visum, sodass in einem Frankfurter Ghettohaus leben musste. Von dort wurde sie 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Ihre Tante Jettchen wurde nach Treblinka verschleppt und getötet. Zum Gedenken trugen die Schülerinnen Annalena Dünkel und Leonie Weyel (10R3) das Gedicht »Theresienstadt« vor.

Bernd Seipel schilderte die herzliche Gastfreundschaft, die er in Israel bei der Familie einer Auschwitzüberlebenden erfahren durfte. Diese habe nie vergessen und verziehen, was geschehen sei, wichtig sei aber nun die Aussöhnung.

Weitere Gedenkorte

In der Johann-Textor-Straße 5 befand sich das Haus der Familie Löwenstein. Zwei Kinder emigrierten 1938 nach Amerika. Ein dritter Sohn floh nach seinem Aufenthalt im Konzentrationslager Buchenwald über Holland nach Amerika. Ihre Eltern Isaak und Gertrud gingen ebenfalls nach Holland. Von dort wurden sie 1943 aber nach Auschwitz-Birkenau deportiert und vergast. Leonie Weyel las zum Andenken einen Text von Martin Niemöller und legte mit Annalena Dünkel Rosen nieder.

Am Frigghof 5 wurde zum Abschluss eine Gedenktafel angebracht, die an Selma, Berta und Wilhelm Hirsch erinnert. Selma Hirsch zog nach ihrer Heirat nach Herborn. Sie entschied, ihren Mann und die beiden Kinder nach England zu schicken, die von dort in die USA fliehen konnten. Durch den Kriegsbeginn schaffte es Selma nicht ihrer Familie zu folgen und wurde 1942 in Sobibór getötet. Ihre Schwester Berta hatte einen ähnlichen Lebensweg und wurde auch in Sobibór ermordet. Ihr Bruder Willi zog 1937 von Haiger nach Frankfurt und konnte nach einer Zeit im Konzentrationslager Dachau nach England flüchten.

Steinseifer verlas einen Brief von Orit Philosof, einer Enkelin von Berta Hirsch. Sie erfuhr über eine Schülerbroschüre in New York das Schicksal ihrer Großmutter Berta und war 2004 zur Spurensuche in Haiger. Philisof sprach in dem Brief nicht von einer Schuld der Deutschen, aber von ihrer moralischen Pflicht, gegen Holocaustleugner zu sprechen und alles dafür zu tun, dass sich solch eine Tragödie nie wieder wiederholen darf.

Da aufgrund der Corona-Pandemie Nachfahren nicht teilnehmen konnten, ist für sie eine weitere Gedenkveranstaltung geplant.

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