24. November 2019, 15:00 Uhr

Marburg

»Ich muss meine Geschichte erzählen«

Éva Pusztai-Bélané ist Überlebende des Holocaust, dem nationalsozialistischen Völkermord an Millionen europäischer Juden. Sie berichtete in Marburg über ihr Leben.
24. November 2019, 15:00 Uhr
Éva Pusztai-Bélané erzählte in Marburg von den Schrecken des Holocaust, den sie überlebt hat. Begleitet wird sie von ihrem Lebenspartner Ander Andrasi. Foto: Heiko Krause/Stadt Marburg

Wie gelang ihr das Überleben? Was gibt ihr bis heute Kraft zum Weiterleben? Mit einem ergreifenden Vortrag berichtete Pusztai-Bélané auf Einladung der Stadt Marburg, der Jüdischen Gemeinde Marburg und des Vereins der Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer im Erwin-Piscator-Haus über ihr Leben.

»In Marburg und Deutschland ist Schreckliches passiert«, betonte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. »Wir gedenken der vielen Millionen Biografien, die nie gelebt wurden.« Er dankte Éva Pusztai-Bélané, dass sie nach Marburg gekommen war. »Denn nicht nur abstraktes Wissen hilft uns, sondern empathisches Empfinden.«

Erst ins Ghetto und dann nach Auschwitz

Sie wurde am 22. Oktober 1925 in Debrecen (Ungarn) als Tochter eines Holzhändlers und seiner Frau geboren. Mit der Besetzung Ungarns durch die deutsche Wehrmacht kam die Familie ins Ghetto und im letzten Transport am 27. Juni 1944 wurde die ganze Familie nach Auschwitz deportiert. Die Eltern und Schwester überlebten nicht. Pusztai-Bélané wurde dann nach Stadtallendorf transportiert, wo sie in Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie arbeiten musste. Auf einem so genannten Todesmarsch im März 1945 wurde sie von amerikanischen Truppen befreit und kehrte nach Ungarn zurück.

Vor dem Marburger Publikum sprach die heute in Budapest lebende Autorin über das, was in ihrem Buch »Die Seele der Dinge« nachzulesen ist. Sie freue sich sehr, dass vor allem so viele junge Menschen gekommen seien, um ihr zuzuhören. »Ich weiß, dass durch Hass Angst kommt und daraus wird wieder Hass - und das heißt nur Schlechtes«, sagte sie.

»Das Schlimmste war, dass ich so viele Menschen verloren habe«, berichtete Pusztai-Bélané. Sie habe eine große Familie gehabt »und es war immer fröhlich«. Von Antisemitismus in ihrem Heimatland habe sie bis zum deutschen Einmarsch 1944 noch nichts mitbekommen. Den habe es aber gegeben, Ungarn habe bereits vor ihrer Geburt ein antijüdisches Gesetz verabschiedet und lange vor dem Einmarsch Regeln der Nationalsozialisten eingeführt.

Mit den Deutschen habe sich ihr Leben radikal verändert. »Auf einmal war auf der Straße alles feindlich« und schließlich sei ihre Familie deportiert worden. Drei Tage lang habe der Transport mit 80 Menschen in einem Viehwagen unter schlimmsten Bedingungen gedauert. Aber sie und ihre Familie hätten gedacht, nur arbeiten zu müssen. »Wir haben nicht geglaubt, was tatsächlich geschieht.«

In Auschwitz angekommen, habe der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele sie und ihre Cousine, die sich ähnlich sahen, gefragt, ob sie Zwillinge seien, was sie verneinten. Daraufhin sei sie von ihrer Cousine und dem Rest der Familie getrennt worden. »Plötzlich war ich alleine.« Erst später habe sie auf die Frage, was aus den anderen geworden sei, erfahren, dass sie ermordet wurden - »mit einem Lachen und dem Fingerzeig auf den Rauch der Krematorien«.

Arbeitsfähigkeit schützte vor Gaskammer

Fünf junge Frauen, die sich aus der Schule in ihrem Heimatort kannten, seien sie noch gewesen. Sie hätten Arbeitsfähigkeit demonstriert, um zu überleben, denn nur die habe vor der Gaskammer geschützt. »Und wir haben alle fünf überlebt.« In Stadtallendorf habe sie schwere Granaten tragen müssen, »800 am Tag, das kann ich mir heute nicht mehr vorstellen, aber wenn man muss, dann kann man«. Auch über den Marsch am Ende des Krieges vor ihrer Befreiung berichtete sie noch. Sie habe vor Blasen kaum laufen können, »barfuß in Holzschuhen«.

Die Holocaust-Überlebende schrieb »Die Seele der Dinge« als Zeugnis ihrer ersten 18 Lebensjahre erst, nachdem sie noch einmal »dorthin« zurückgekehrt war, um ihr Schweigen zu brechen und als berührende Hommage an ihre einst große und lebensfrohe jüdische Familie oder, wie der Verein Lagergemeinschaft Auschwitz - Freundeskreis der Auschwitzer in seinem Flyer schreibt, als »Triumph der Menschlichkeit über die Unmenschlichkeit«.

»Ich muss meine Geschichte erzählen«, betonte Pusztai-Bélané, »denn es gibt wieder Töne, die den direkten Weg in die Gaskammer und das Krematorium zur Folge haben«. Jeder Mensch müsse versuchen, gut zu sein und keinem Lebewesen etwas Schlechtes anzutun, auch wenn das nicht immer leicht sei.

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