28. August 2020, 13:00 Uhr

Herborn

Hüter der Stadtgeschichte macht Schluss

Im Alter von fast 79 Jahren ist für Karl Schneider Schluss mit der ehrenamtlichen Arbeit im Stadtarchiv Herborn. In diesem Sommer ist es Zeit für seinen Abschied.
28. August 2020, 13:00 Uhr
Karl Schneider (l.) hat durch seine langjährige, auch ehrenamtliche Tätigkeit im Stadtarchiv Herborn das »Gedächtnis der Stadt« bewahrt. Dafür dankten ihm bei seiner Verabschiedung Bürgermeisterin Katja Gronau (2.v.r.) und die Kollegen vom Stadtarchiv, Rüdiger Störkel und Sandra Berns. Foto: Stadt Herborn

»Gerne würde ich meine Arbeit weitermachen, aber ich muss gestehen - hier kämpft Kopf gegen Herz - die Gesundheit spielt nicht mehr mit.« Nach 27 Jahren im Dienst der Stadtgeschichte wurde der Wahl-Herborner im Juli ein zweites Mal in den Ruhestand verabschiedet.

2006 beendete Karl Schneider sein bewegtes Arbeitsleben mit dem Rentenantritt ein erstes Mal. Damals war er schon mehr als zehn Jahre bei der Stadt beschäftigt. Er arbeitete an der Seite des damaligen Stadtarchivars Rüdiger Störkel und sicherte viele Schätze des Stadtarchivs für die Nachwelt.

Neben vielen Qualifikationen, die Karl Schneider im Lauf seines Lebens erworben hat, ist es vor allem seine Affinität zur Chemie als diplomierter Chemiker und Agraringenieur, die sich für die Stadt Herborn als Glücksfall erweisen wird.

Nach Verschleppung zurück

Dabei war es eher Zufall, dass sich Karl Schneider bei seinem Umzug nach Deutschland im Winter 1992 an der Dill niederließ. Seine Familie gehörte zu jenen Russlanddeutschen, die im Jahr 1941 nach Sibirien oder in andere entlegene Regionen Russlands verschleppt und zur Arbeit in der Kollektivwirtschaft gezwungen wurde. Nach einem Leben mit viel körperlicher Arbeit bei Eiseskälte von mehr als 40 Grad minus in einer Kolchose in Sibirien und Sommerhitze in seiner zweiten Wahlheimat Kasachstan, siedelte Karl Schneider Anfang der 1990er-Jahre mit Frau und zwei Kindern nach Deutschland über.

Fast drei Jahrzehnte hat er sich darum gekümmert, hochwassergeschädigte Archivalien, vor allem Dokumente zu reinigen, zu desinfizieren und von Schimmelsporen zu befreien. Diese Arbeit zeitigt nur in kleinen Schritten Erfolge, doch ist ihr Wert für das »Gedächtnis der Stadt« unermesslich.

»Seiner geduldigen und akribischen Arbeitsweise sowie dem langen Atem und seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken«, weiß der ehemalige Stadtarchivar Rüdiger Störkel, »dass viele Archivgüter, die dem Hochwasser im Jahr 1984 zum Opfer fielen, gerettet werden konnten.« Was es bedeutet, wenn Archivmaterial nass wird und sich Schimmel ausbreitet, könne nur Karl Schneider wirklich nachempfinden. »Er hat die Begabung, das Eklige - den Schimmel - zu ertragen. Geduldig hat er Bestände überprüft und investierte auch, als erneut an Teilen der Zeitungsbestände frischer Schimmel festgestellt wurde, beherzt viele Stunden in die Sicherung von Archivgut«, sagt Störkel.

Mit einem Augenzwinkern erzählt Karl Schneider: Jedes Mal, wenn er die Hochwassermarke in der Bahnhofstraße sehe, sei er sehr dankbar, weil der liebe Gott schon zehn Jahre, bevor er bei der Stadt Herborn angefangen habe, eine tolle Arbeitsstelle für ihn im Stadtarchiv vorgesehen habe.« So schreibt die Stadtgeschichte eben auch viele persönliche Geschichten.

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