29. Oktober 2019, 15:00 Uhr

Neustadt

Honecker-Ära in erster Reihe miterlebt

Mit dem FDJ-Lied »Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf« wurde eine Veranstaltung im Rahmen der zeitgeschichtlichen Reihe der Stadt Neustadt eingeleitet.
29. Oktober 2019, 15:00 Uhr
Bürgermeister Thomas Groll (links) mit Eberhard Aurich beim Gespräch im Historischen Rathaus. Foto: privat

Das Trio »Semplice« hatte das Lied in Anspielung auf den Gastreferenten gespielt: Eberhard Aurich. Rund 80 Interessierte hatten sich im Historischen Rathaus eingefunden, um diesmal einen Zeitzeugen aus der damaligen Führungsebene des DDR-Machtapparates in Neustadt zu erleben. Der jetzt 73-Jährige war von 1983 bis 1989 Erster Sekretär des Zentralrates der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Mitglied des Zentralkomitees der SED, der Volkskammer und des Staatsrates der DDR. Aurich war also ein Spitzenfunktionär, gehörten doch zur FDJ mehr als zwei Millionen Mitglieder und 7.500 hauptamtliche Mitarbeiter.

Keine Verklärung der DDR betreiben

Eingangs hatte Bürgermeister Thomas Groll betont, man wolle mit der Veranstaltung keine »Verklärung der DDR« betreiben. Vielmehr gehe es darum zu erfahren, wie eine der damals handelnden Personen das Jahr 1989 mit seinen epochalen Veränderungen in der DDR wahrgenommen habe und was Aurich dreißig Jahre später über den »Arbeiter- und Bauernstaat« DDR, aber auch über die Wiedervereinigung denke.

Die Auszubildende Fabienne Diebel hatte einen Einspielfilm vorbereitet. Dieser zeigte auf, was von Mai bis Dezember 1989 in der DDR geschah. Der Bogen spannte sich vom Pfingstreffen der FDJ mit Hunderttausenden Teilnehmern über die Massenflucht im Sommer und das 40-jährige Jubiläum der DDR im Oktober bis zum Mauerfall am 9. November und der Öffnung des Brandenburger Tores kurz vor Weihnachten.

Beim Pfingstreffen 1989 hielt Eberhard Aurich die Hauptansprache - und neben ihm stand Erich Honecker. Am 6. Oktober fand der große Fackelzug der FDJ statt, und neben dem SED-Generalsekretär und Michail Gorbatschow stand wiederum FDJ-Chef Eberhard Aurich.

Bei Honeckers Sturz dabei gewesen

Die Ereignisse des Jahres 1989 dürften die meisten der Besucher noch vor Augen haben. Nun berichtete jemand, der dabei war, als Erich Honecker gestürzt und Egon Krenz gewählt wurde, und der im Zentralkomitee saß, als Krenz das Ausreisegesetz vorstellte oder mit Margot Honecker über Erziehungsfragen der Jugend diskutierte. Seine Erinnerungen an jene Zeit hat Aurich kürzlich in einem Buch niedergeschrieben. Darin setzt er sich offen und kritisch mit der DDR und seiner eigenen Arbeit auseinander.

Auch im Zwiegespräch mit dem Bürgermeister redete der ehemalige FDJ-Vorsitzende Klartext. Er gestand Fehler ein, verwahrte sich aber dagegen, in der DDR sei alles schlecht gewesen. Aurich betonte, Ziel sei gewesen, in der Arbeit der FDJ das Freiwilligkeitsprinzip zu verwirklichen. In der Jugendorganisation sollte man nicht auf Befehl etwas tun, sondern aus Überzeugung. Der Gast aus Berlin verwies darauf, er könne durch Dokumente belegen, dass die FDJ von der SED eine andere Politik gefordert habe.

Die deutsche Einheit sieht Aurich nur zum Teil als gelungen an. Seine Äußerung, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, trug ihm eine kritische Nachfrage aus dem Publikum ein. Er entgegnete, die DDR sei ein Rechtsstaat gewesen, in dem es aber sehr wohl Unrecht gegeben habe.

Thomas Groll bilanzierte, die Ausführungen Aurichs trügen dazu bei, Einblicke in die DDR des Jahres 1989 sowie das Denken und Handeln von SED und FDJ zu bekommen. Dies seien Informationen, die jeder selbst bewerten müsse. Mit dem bekanten Udo-Lindenberg-Song »Sonderzug nach Pankow«, dargeboten vom Trio »Semplice«, endete der interessante Gesprächsabend.

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