02. August 2019, 15:00 Uhr

Marburg

Anrüchige Gespräche vor 700 Jahren

Mittelalter-Spezialisten - darunter auch Marburger Forscher - haben in der Stiftsbibliothek im niederösterreichischen Melk einen spektakulären Fund gemacht.
02. August 2019, 15:00 Uhr
Die beteiligten Mitarbeiter des »Handschriftencensus« sind sich sicher, dass die Entdeckung die bisherige Forschung zum Umgang mit der eigenen Sexualität im deutschsprachigen Raum revidiert. Foto: Dr. Christine Glaßner

Sie sind auf einen schmalen Streifen Pergament gestoßen, der es aber bei genauerer Untersuchung in sich hat. Erkennbar sind nur wenige Buchstaben pro Zeile, die in mühsamer Geduldsarbeit identifiziert wurden. Sie stammen aus einem Text, den man bislang nur in zwei deutlich jüngeren Abschriften kannte.

Anzügliche Texte früher als gedacht?

Der so genannte Rosendorn berichtet davon, wie sich eine Jungfrau mit ihrer sprechenden Vulva darüber entzweit, wer von ihnen bei Männern den Vorzug genieße. Bislang hat man angenommen, dass ein solch freier Umgang mit der eigenen Sexualität im deutschsprachigen Raum erst in der städtischen Kultur des 15. Jahrhunderts aufgekommen ist. Der Melker Fund dagegen wurde um 1300 geschrieben und revidiert damit die bisherige Forschung.

Anzunehmen ist, dass es bereits zuvor Anlässe gab, bei denen derart freizügige Texte gedichtet, vorgetragen und vielleicht sogar inszeniert wurden. Offenbar wurden sie selten aufgeschrieben und haben noch seltener die Jahrhunderte bis heute überdauert.

Recycling von Verbotenem

Das Melker Fragment stammt aus einem vermutlich vollständigen Blatt, das zerschnitten wurde und als Falzstreifen für den Einband eines lateinischen Werks diente.

Dies war die gängige Methode, um wertvolles Pergament wiederzuverwerten. Aus welchen Gründen der »Rosendorn« zerschnitten wurde, kann nur erahnt werden. Zu denken gibt, dass das Fragment in einem Klosterband gefunden wurde - hat man dort ein so verderbliches Buch schlichtweg vernichten müssen?

Entdeckt hat das Fragment Dr. Christine Glaßner (Akademie der Wissenschaften Wien), identifiziert wurde es von Dr. Nathanael Busch (Uni Siegen). Beschrieben wird es im Rahmen des Akademievorhabens »Handschriftencensus« (Akademie der Wissenschaften und der Literatur/Mainz), das an der Philipps-Universität Marburg angesiedelt ist.

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