23. November 2020, 13:00 Uhr

Biedenkopf

»Woraus würden Sie denn vorlesen?«

Der Bundesvorlesetag verlief wegen der Pandemie anders als üblich und distanziert bis digital. Autor Andreas Steinhöfel unterhielt sich dabei mit Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich.
23. November 2020, 13:00 Uhr
Gespräch aus sicherer Corona-Distanz über das Leben als Autor in der Pandemie, die Nominierung für den Astrid Lindgren Memorial Award 2021 und warum Mittelhessen lebenswerter ist als Berlin: Andreas Steinhöfel und Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. Foto: Regierungspräsidium

Andreas Steinhöfel, vielfach ausgezeichneter Autor aus Biedenkopf, legte zum Vorlesetag genauso eine Vorlesepause ein wie Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. Das hinderte Ullrich nicht, sich auf digitalem Wege mit Steinhöfel zu unterhalten über das Leben als Schriftsteller in der Pandemie: warum er Mittelhessen den Vorzug vor Berlin gibt, über die Nominierung für den Astrid Lindgren Memorial Award 2021, der mit 480.000 Euro weltweit höchstdotierten Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur, und mehr.

Gerade ist Steinhöfels neuer Band um den »tiefbegabten« Rico erschienen mit dem Titel »Rico, Oskar und das Mistverständnis«. In den vergangenen fast 30 Jahren hat sich der Autor einen Namen als Erzähler von Geschichten mit sozial-realistischem wie augenzwinkernd-versöhnlichem Ton erschrieben und dafür unter anderem den deutschen Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk erhalten.

»Woraus würden Sie denn vorlesen?«, möchte Regierungspräsident Ullrich von seinem Gegenüber auf dem Bildschirm wissen. Andreas Steinhöfel überlegt kurz: »Ich würde tatsächlich aus meinem neuen Buch vorlesen - nicht aus Werbegründen, sondern weil ich darauf so eingeschossen bin. Was ich aber auch immer gerne vorlese, sind Märchen.«

Pädagogischer Zeigefinger ist tabu

Ein Prinzip, dem Andreas Steinhöfel folgt: Der pädagogische Zeigefinger ist tabu. »Der Anspruch von Literatur ist es nicht, zu erziehen oder zu belehren. Wer das will, kann Sachbücher schreiben.« Wertungen oder Botschaften seien jedoch in erzählten Geschichten unumgänglich. »Aber es ist ein Unterschied, ob ich dem Kind eine einseitige Meinung einbimse und es damit alleine lasse oder ob ich ihm sage: ›Schau mal, die Welt ist groß und bunt, viele Menschen haben verschiedene Ansichten und ich möchte dich in die Lage versetzen, dich da zurechtzufinden und dann auszuwählen‹.«

Eine Sichtweise, die der Regierungspräsident uneingeschränkt teilt. Beide sind Verfechter der offenen Debattenkultur. Die gesellschaftliche Streitkultur konzentriere sich jedoch immer mehr auf den Streit als die Kultur. Oder wie es Christoph Ullrich sagt: »Ob das Corona, Klima oder die Arbeit betrifft: Ich weiß, wie es ist und alle anderen sind doof, um es ganz verkürzt zu beschreiben.« Diese Entwicklung mache ihn sehr nachdenklich.

Bei der Nutzung digitaler Informationen habe sich »wirklich etwas verändert«, sagt der Autor. »Ich komme ja gar nicht dazu, etwas länger zu durchdenken, weil von allen Seiten Informationen auf mich einströmen.« Auf die Gesellschaft treffe diese Entwicklung mit ungeheurer Wucht. Regierungspräsident Ullrich ergänzt: »Es könnte auch daran liegen, dass der Korridor für denjenigen, der für seine Meinung eine Bestätigung sucht, im Internet sehr weit ist.«

Andreas Steinhöfel hat momentan Glück, anders als viele freie Kulturschaffende oder Selbstständige, deren Existenzgrundlagen weggebrochen sind. Viele Bücher sind geschrieben. Dazu kommt noch eine kleine TV-Produktionsfirma, die unter anderem für »Die Sendung mit der Maus« kurze Animationsgeschichten liefert. Zumal er den großen Vorteil hat, dass er fast immer im Homeoffice sitzt, denn die Arbeit von Andreas Steinhöfel ist eine, die er mit sich selbst am Schreibtisch austrägt.

Bei aller Gelassenheit spürt er die beruflichen Auswirkungen doch ein wenig, bei Lesungen zum Beispiel. Kürzlich fand zur Buchmesse eine Lesung unter Corona-Vorzeichen statt: »Das ist okay, aber ich habe mich ein bisschen schwer damit getan, vor einem reduzierten Publikum zu lesen.« Das fühle sich wirklich so an wie: »Siehst du, jetzt kommen sie nicht mehr!« Will er sich wieder auf gewohnt Gemeinsames freuen, denkt er an die Zeit nach Corona: »Dann lege ich eine Schippe oben drauf.« Zum Beispiel in seinem Kulturverein in Biedenkopf. »Wir haben vor, ein kulturelles Freudenfeuer abzubrennen, wenn es wieder möglich ist. Und ich hoffe, das wird überall passieren.«

»Bin ein echtes Landei«

Zwei Jahrzehnte lebte Andreas Steinhöfel nach seiner Jugend in Biedenkopf in Berlin und kam vor zehn Jahren wieder zurück. Er bezeichnet sich als echtes Landei, liebe das Mittelgebirge und sei kein Mensch für das flache Land. »Dazu bin ich auch noch sehr eng mit der Familie, die hat mir auch immer gefehlt.« Was viele nicht glauben, aber er sei grundsätzlich ein zurückgezogener Mensch. Da gehe man in einer großen Stadt gerne mal unter. »Hier auf dem Land ist das unmöglich, weil du ständig Leute triffst, die du kennst. Das ist ein anderes soziales Eingebettetsein, und das finde ich sehr schön.«

Noch ein letztes Wort zur Nominierung für den Astrid Lindgren Memorial Award 2021, der oft als Art Nobelpreis der Kinder- und Jugendliteratur bezeichnet und im kommenden April vergeben wird: »Das ist eine große Ehre, das sind ja die weltweit Besten.« Das bedeute aber gleichzeitig auch: »Jetzt gucken alle, und ich mag es nicht, wenn Leute so auf mich gucken.« Alleine über die Nominierung freue er sich sehr. »Astrid Lindgren ist natürlich ein Vorbild. Das ist schon extrem irre, wenn man da im selben Milchtopf herumpaddelt.«

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