18. Februar 2021, 13:00 Uhr

Wetzlar

Die Lage spitzt sich zu

Die Lage im Einzelhandel ist dramatisch, Hilfen kommen praktisch nicht an. Händler verbrauchen ihre Rücklagen und müssen Kredite aufnehmen, um ihre Existenz zu sichern.
18. Februar 2021, 13:00 Uhr
Blick in die kaum frequentierte Fußgängerzone der Wetzlarer Altstadt. Foto: Gerstberger

Es drohen Insolvenzen: Immer mehr Mitgliedsunternehmen in der heimischen Region wenden sich an die Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill. »Die Situation ist katastrophal. Der zweite Lockdown, der mitten im Weihnachtsgeschäft gestartet ist, hat den Einzelhandel ins Mark getroffen«, erklärt der Hauptgeschäftsführer der IHK Lahn-Dill, Burghard Loewe.

Schrittweise öffnen - Hilfen auszahlen

Die Salamitaktik, die Schließungsanordnung alle paar Wochen zu verlängern, zermürbe die Händler. Dazu komme, dass die Hilfen nicht an die Händler gelangten.

»Das Geld muss so schnell wie möglich und vor allem unbürokratisch ausgezahlt werden«, so der IHK-Chef weiter.

Planungssicherheit schaffen

Die Händler bräuchten Planungssicherheit. Die IHK Lahn-Dill spricht sich für eine schrittweise Öffnung aus. Loewe warnte auch vor Wettbewerbsverzerrungen: So dürften Läden öffnen und im Nebensortiment Artikel verkaufen, andere Geschäfte, die genau diese Artikel im Hauptsortiment führten, müssten dagegen schließen.

Wie die Ware bezahlen?

»Die Lage spitzt sich zu«, sagt der Handelsausschussvorsitzende der IHK Lahn-Dill, Jörg Palm, vom gleichnamigen Juweliergeschäft in der Wetzlarer Altstadt. »Völlig unverschuldet nehmen Händler Kredite auf und versuchen, am Leben zu bleiben.« Viele Geschäftsinhaber wüssten nicht mehr, wovon sie die nächste Warenlieferung bezahlen sollten.

Durch Bestell- und Abholservices könnten die derzeitigen Umsatzverluste nicht annähernd ausgeglichen werden, so Palm weiter. »Der Kampf gegen die Pandemie wird derzeit größtenteils auf den Schultern des Einzelhandels ausgetragen. Doch die Schultern sind für diesen Kampf nicht breit genug.«

Ansteckungsgefahr nicht bewiesen

Anke Kaps, Inhaberin und Geschäftsführerin des Sport- und Modehauses Kaps und ebenfalls Mitglied im Handelsausschuss, hat sich mit einem Schreiben persönlich an die Landesregierung gewandt und ihre Situation geschildert.

Sie befürchtet, dass der Mittelstand durch die pauschalen Schließungsmaßnahmen zerstört wird: »Bis heute gibt es keinen Beweis dafür, dass der Einzelhandel einen Infektionsherd für die Bevölkerung darstellt«, so Anke Kaps.

»Wir haben alle geforderten Hygienemaßnahmen umgesetzt und auch dahingehend investiert - wie die meisten unserer Kollegen -, um eben nicht mehr schließen zu müssen«, so die Geschäftsführerin.

Wettbewerb »verzerrt«

Im Supermarkt würden auch Sportgeräte und Bekleidung verkauft, so Anke Kaps weiter, »da scheint das Thema Ansteckungsgefahr nicht zu gelten«, weist sie auf die Wettbewerbsverzerrung hin. Sie fordert stärkere Unterstützungsmaßnahmen. »Aber die für den Handel in Frage kommende Überbrückungshilfe III ist derzeit nicht zu beantragen«, so Anke Kaps. »Es gibt noch nicht einmal ein Formular.«

Heike Susemichel, Geschäftsführerin des Filialisten Orion, ist bereits bei ihren Partnern mit Liquiditätsengpässen in Vorleistung gegangen: »Ich arbeite mit vielen kleinen Selbstständigen zusammen, die unsere Filialen betreiben«, so die Biebertalerin.

Risiko Selbstständigkeit

Da ihre Partner bislang von den beantragten Hilfen noch nichts gesehen hätten, sei sie eingesprungen: »Sonst bricht mir nach dem Lockdown das Filialnetz zusammen.« Erste Kündigungen aus Filialen seien trotzdem schon gekommen:

»Die Leute wollen nicht mehr selbstständig sein, diese Art der Tätigkeit hat durch Corona an Attraktivität verloren. Keiner will dieses Risiko mehr eingehen.«

Geschäfte machen zu

Heike Susemichel, auch Mitglied im Handelsausschuss, warnt vor einem Dominoeffekt, der sich bereits andeute: »In Regionen oder Innenstädten, in denen schon die ersten Geschäfte schließen müssen, bleiben in Zukunft Kunden weg. Dann fehlt es an Frequenz. Weitere Schließungen werden folgen.« IHK-Hauptgeschäftsführer Burghard Loewe fordert, diese Abwärtsspirale zu stoppen. »Wir können nicht mehr warten, bis das Infektionsgeschehen gegen Null geht, denn dann sind viele Einzelhändler nicht mehr da.«

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