02. Mai 2020, 13:00 Uhr

Dillenburg

»Was man nicht kennt, vermisst man auch nicht«

»Ich fühlte mich in der DDR wohl«, so Zeitzeugin Angela Gehrmann, jetzt selber Lehrerin an der Wilhelm-von-Oranien-Schule. Sie erzählte vor Corona von ihrer Kindheit in der DDR.
02. Mai 2020, 13:00 Uhr
Der Geschichts-Grundkurs von Paul Sajon (l.) mit Zeitzeugin Angela Gehrmann (Mitte). Foto: privat

»Ich hatte eigentlich eine behütete Kindheit und glückliche Jugend und bin auch in die damalige Tschechoslowakei sowie nach Polen gereist. Das fand ich toll. Die Bundesrepublik Deutschland war für mich ein anderer Staat, in dem Arbeitslosigkeit, Drogensucht, Ausbeutung und Ungerechtigkeit herrschten. So wurde uns das zumindest in der Schule vermittelt, und trotz des Westfernsehens, das ich fast täglich geschaut habe, glaubte ich dies und an das Gute in der DDR. Als Schüler wurden wir indoktriniert«, berichtet Gehrmann den Schülern der WvO.

Den Mauerfall nicht mitbekommen

Im Rahmen der Projektreihe »Zeitzeugen erklären Geschichte« lauschten die Schülerinnen und Schüler, was Angela Gehrmann zu berichten hatte. Die Geschichtskurse der Jahrgangsstufe Q4 von Paul Sajon und Jasmin Jaschina hatten für die Fragerunde mehr als 60 Fragen vorbereitet.

Thematisch ging es um den Mauerfall und die Wende, die DDR-Wirtschaft, den Alltag, die Überwachung und die Stasi sowie um den »Klassenfeind BRD«. Den Mauerfall am 9. November 1989 habe sie nicht unmittelbar mitbekommen, berichtet Angela Gehrmann. Sie sei zu diesem Zeitpunkt mit Studienaufträgen beschäftigt gewesen. Jede Woche hätten sie als Studenten umfangreiche häusliche Aufgaben zu bearbeiten gehabt. Es habe im Studentenwohnheim pro Etage in einem Gemeinschaftsraum nur ein Fernsehgerät gegeben. Das sei die wichtigste Informationsquelle gewesen - heute im WLAN-Zeitalter und des grenzenlosen Internets nahezu unvorstellbar.

Sie sei dann ganz normal schlafen gegangen. Erst einen Tag später habe sie von der Maueröffnung erfahren, einige Kommilitonen hätten allerdings die Grenzöffnung hautnah erlebt und seien von Halle an der Saale sogar nach West-Berlin gefahren.

Positive Erinnerungen

Angela Gehrmann steht beispielhaft für eine positive Erinnerung an die DDR. »Ich fühlte mich in der DDR wohl. Hier habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht und hatte auch nicht unbedingt das Bedürfnis, in die weite - westliche - Welt zu reisen. Wir hatten zwar entfernte Verwandtschaft in der Bundesrepublik, aber den Kontakt hat nur meine Oma per Brief gepflegt.«

In Bezug auf die schlechte Konsumgüterversorgung oder die eingeschränkte Reisefreiheit meinte sie: »Was man nicht kennt, vermisst man auch nicht.«

Mit diesen und ähnlichen Aussagen wurde deutlich, dass Angela Gehrmann keine Regimegegnerin war und eher ein positives DDR-Bild in Erinnerung hat. Auch bei ihrer Teilnahme an den Demonstrationen in der Wendezeit sei es eher um mehr Freiheiten und umfangreichere, schnellere Reformen gegangen - aber innerhalb der DDR, um sie zu verbessern.

Ihr Mann machte andere Erfahrungen

Eine Auflösung des Staates als Ganzes konnte sie sich Ende 1989 und Anfang 1990 nicht wirklich vorstellen.

Andere DDR-Erfahrungen hatte dagegen Angela Gehrmanns Ehemann. Er gehörte zu der Junioren-Sportelite im Ringen, hatte sich dann aber kritisch über die DDR geäußert. Damit war seine Sportkarriere zu Ende. Hinzu kam noch der »Republikfluchtversuch« seines Lieblingsonkels, der weitere Repressalien gegenüber der Familie nach sich zog.

Eine Familie, aber eine verschiedene Bewertung der DDR. So ist das bis heute: »Derjenige, der eine Begabung und Fleiß an den Tag legte, wurde in der DDR vom Staat sehr gefördert - vor allem als Kind und Jugendlicher. Das waren privilegierte Menschen - vorausgesetzt natürlich, man war linientreu. Sonst waren alle Träume schnell zu Ende. Den Regimekritikern und -gegnern gegenüber war der Staat gnadenlos«, erklärt Gehrmann.

Resümee der Schüler

»Das Gespräch zeigte uns Schülern, dass man die DDR als Zeitzeuge auch positiv sehen kann. Es hängt alles von der Stellung in der Gesellschaft, eigenen Erlebnissen, dem Schicksal der Familienangehörigen und von der persönlichen Anpassungsfähigkeit ab«, bewertet Hannah Lanzer als Schülerin das Zeitzeugengespräch.

Besonders beeindruckt waren die WvO-Schüler von der Verfolgungsgeschichte des Ehemannes von Angela Gehrmann. Überrascht waren sie darüber, dass man das historische Ereignis des Jahrhunderts - Maueröffnung und Niedergang des Kommunismus - einfach »unbemerkt« verschlafen konnte.

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