31. Oktober 2020, 13:00 Uhr

Weilburg

Die Kehrseite der Digitalisierung

Während der interkulturellen Woche haben der Weltladen Limburg und Meliha Delalic, Fallmanagerin des WIR-Projekts, des Landkreises zu einem Filmabend mit Diskussion eingeladen.
31. Oktober 2020, 13:00 Uhr
Meliha Delalic (WIR-Projekt, links) und Iris Buchner (Weltladen Limburg) bei der Begrüßung zur Filmvorführung »Welcome to Sodom«. Foto: Landkreis

Die Filmvorführung war Bestandteil einer dreiteiligen Fortbildungsreihe für Ehrenamtliche im Landkreis. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm »Welcome to Sodom« aus dem Jahr 2018.

Giftigster Ort der Welt

»Sodom« - die Hölle auf Erden - so wird die 16 Quadratkilometer große Elektroschutthalde in einem Vorstadtteil von Accra, der Hauptstadt Ghanas, genannt. Hier ist die Endstation für Elektroschrott aus aller Welt, vorwiegend aus Europa und anderen Nationen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen fallen weltweit jedes Jahr zwischen 20 und 50 Millionen Tonnen Elektromüll an - mit steigender Tendenz. Das meiste davon landet containerweise auf der Elektrohalde in Ghana, die zugleich zu den giftigsten Orten der Welt zählt.

Hilfsprogramm aus dem Ruder gelaufen

Ihren Anfang hatte die Mülldeponie in einem Hilfsprogramm, das sich jedoch als Bumerang herausstellen sollte: Ursprünglich sollten gebrauchte, noch intakte Computer nach Ghana kommen, um dort aufgearbeitet und genutzt zu werden. Das entartete aber bald in einen massenhaften, illegalen Import von Computer- und Metallschrott aus aller Welt.

Verbranntes Plastik macht Menschen krank

Am Ende landen die recycelten Rohstoffe - vor allem Kupfer, Aluminium, Zink und Eisen - über die Großhändler wieder in den Industriestaaten. So werden die Plastikverkleidungen von Kabeln und die Kunststoffgehäuse der Computer verbrannt, um an die begehrten Rohstoffe zu kommen. Die dabei freigesetzten krebserregenden Chemikalien - wie beispielsweise Blei, Chrom und Quecksilber - sickern nicht nur in Boden und Grundwasser ein, sondern schädigen auch die Gesundheit der Bevölkerung. Heute leben und arbeiten schätzungsweise 6.000 Menschen auf der Deponie, die Laptops, Handys, Monitore und Elektronikabfall unter kaum vorstellbaren Arbeitsbedingungen zerlegen, um Wertstoffe zu gewinnen und weiterzuverkaufen.

Erlös reicht oft nur für eine Mahlzeit

Der Film gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Müllhalde und schildert Lebensumstände von Menschen, die am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette stehen. Deren Existenz ist von der modernen Technologie gleichzeitig geprägt und bedroht.

Anhand von kurzen Clips mit Aussagen von fünf Interviewpartnern gewannen die Zuschauer Einblicke in die Struktur dieses rasant gewachsenen Gesellschafts- und rudimentären Wirtschaftssystems.

Im Mittelpunkt standen jedoch weniger die Umweltzerstörung oder die kriminelle Abfallwirtschaft, sondern vor allem die Schicksale der Menschen, die in »Sodom« in extremer Armut leben, darunter auch viele Kinder und Jugendliche.

Wie schwierig die Lage für viele ist, macht folgende Aussage deutlich: »Wenn ich Glück habe, kann ich mit einem Computer ein gutes Geschäft machen, wenn nicht, bleibt mir zumindest das Kupfer aus dem Inneren. Das reicht dann gerade für eine Mahlzeit.«

Viele Kinder betroffen

Täglich atmen viele Kinder und Jugendliche die toxischen Dämpfe ein, um sich und den Familien durch den Erlös aus dem Rohstoffverkauf die Existenzgrundlage zu sichern. Dabei springt oft nur ein Minimum heraus: jeden Tag.

Zuschauer beeindruckt

Für die Verarbeitung der Eindrücke aus der 90-minütigen Filmdarbietung benötigten die Zuschauer einige Zeit, bevor sie miteinander ins Gespräch kamen.

Diskuiert wurde unter anderem die Basler Konvention zur Vermeidung des Exports gefährlichen Abfalls. Demnach dürfte es eigentlich keine Deponie dieser Art geben, weil nur funktionierende Altgeräte ins Ausland exportiert oder entsorgt werden dürfen. So sollte beispielsweise ein Handy im Sinne von Ressourcenschonung und Abfallvermeidung so lange benutzt werden, wie es funktioniert und für Updates und Reparaturen fähig bleibt.

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