28. August 2025, 20:25 Uhr

Freies Reichsdorf

Freienseen: Zwischen Legende und Rechtsgeschichte

Das Dorf Freienseen versuchte über Jahrhunderte hinweg seine Unabhängigkeit von der solms-laubachschen Landesherrschaft zu erstreiten. Bis heute wird häufig die vermeintliche Ernennung zum »Freien Reichsdorf« genannt. Doch ob es diese gab, ist fraglich.
28. August 2025, 20:25 Uhr
CON

- Ein bisschen erinnert es an das berühmte Dorf der unbeugsamen Gallier, die sich gegen die römische Herrschaft auflehnten. Zwar liegt das Dorf nicht in Gallien, sondern am Rand des Vogelsbergs, und auch der Gegenpart sind nicht die Römer, sondern die Laubacher Grafen. Doch über Jahrhunderte hinweg führte Freienseen Gerichtsprozesse gegen das Grafenhaus, um seine Unabhängigkeit zu erstreiten.

Das kochte auch 1971 wieder auf, als Freienseen im Zuge der Gebietsreform zur Stadt Laubach eingemeindet werden sollte. Bis heute wird immer wieder der Titel eines »Freien Reichsdorfs« zitiert, den die Freienseener bereits im Mittelalter erhalten haben sollen. Doch ob an diesem Titel etwas dran ist, ist fraglich. Die Antipathie zwischen Dorf und Stadt hatte historische Gründe. Immer wieder kam es in der Geschichte zu Streitigkeiten - etwa wegen des Versuchs der Laubacher Grafen, dem Dorf das Wasser abzugraben, indem sie es von der Freienseener Mühle nach Laubach ableiteten. 1595 kam es zu einem für die Kläger erfolgreichen Prozess, nach dem die Wasserversorgung wiederhergestellt werden musste.

Barbarossa und die Legende

Einer von insgesamt 48 überlieferten Rechtsstreitigkeiten, die über zweieinhalb Jahrhunderte geführt wurden: Man sah sich im Dorf nicht als Teil der Solms-Laubacher Landesherrschaft, sondern als freie Bürger eines »Freien Reichsdorfs«. Den Titel soll Kaiser Friedrich Barbarossa (1125-1190) dem Dorf verliehen haben - der Legende nach als Dank, weil der »Rotbart« von den Freienseenern bei einem Halt an der alten Handelsstraße zur Nachtruhe verholfen bekam. Wie das? Sie beendeten das laute Froschkonzert. Daher stammt die Bezeichnung »Fräsch« (Frösche) für die Einwohner des Ortes.

Historisch belegen lässt sich diese Legende jedoch nicht, wie der Wetterfelder Heimatkundler Kurt Stein erklärt. In Archiven und Unterlagen ist er der Geschichte nachgegangen - mit einem klaren Ergebnis. Einen Beleg für die Ernennung zum »Freien Reichsdorf« gebe es nicht. Selbst eine Urkunde, die das Dorf vor einem Gericht in Grünberg erlangte - und die immer wieder als vermeintlicher Beleg für den Titel herangezogen wird -, dürfte dabei keinen Unterschied machen, erklärt Stein. Denn schon kurz nach dem Urteil wurde dem Dorf, nach einer Beschwerde des Grafenhauses, die Verwendung der Urkunde untersagt und diese für ungültig erklärt. Was die Freienseener jedoch nicht davon abhielt, sie weiterhin zu benutzen.

Nachgewiesen ist die Legende in gerichtlichen Zeugenaussagen erst ab 1555. Der im vergangenen Juni verstorbene Rechtshistoriker Bernhard Diestelkamp hat sich in seinem Buch »Ein Kampf um Freiheit und Recht« wissenschaftlich mit der Prozessgeschichte rund um das Dorf am Rand des Vogelsbergs auseinandergesetzt.

Auch Diestelkamp kommt zum Schluss: Die überlieferten Schriftquellen lassen keinen anderen Schluss zu, als dass das Dorf Freienseen Teil der solms-laubachschen Landesherrschaft war. Doch versuchten die Freienseener, diesem Einfluss immer wieder auf rechtlichem Wege zu entkommen.

Also doch kein »freies Reichsdorf«? Höchstwahrscheinlich nicht. Doch die Hartnäckigkeit, über Jahrhunderte hinweg für seine Unabhängigkeit zu streben, ist einiges wert. Darum widmete Diestelkamp sein Buch auch «... all jenen wackeren Freienseenern, die sich für das eingesetzt haben, was sie für ihr Recht hielten.« (con)



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

  • Fassenachtszug in Giessen

  • Polizeirazzia im Frankfurter Bahnhofsviertel