18. Juni 2020, 11:00 Uhr

Gießen

»Ich würde es genauso wieder machen«

Trotz voller Wartezimmer, zunehmender Bürokratie und Nachwuchssorgen finden zwei Allgemeinmediziner im Landkreis Gießen, dass es für sie keinen schöneren Beruf gibt.
18. Juni 2020, 11:00 Uhr
Dr. Uwe Speier ist in seinem Beruf glücklich. Foto: KVH/Judith Scherer

»Ein Menschenleben lang« komme er schon in diese Praxis, sagt einer der Patienten im Wartezimmer. Es ist 7.40 Uhr. Die Notfallsprechstunde in der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis von Dr. Uwe Speier und Co. in Lollar ist in vollem Gange. Trotz Corona hat der hier beschriebene Praxisalltag wieder Einzug gehalten. Das Telefon an der Anmeldung klingelt in einer Tour. Am Tresen warten schon drei Patienten. Aus dem Aufzug, der vom Gehweg direkt in die Praxis führt, kommt eine Mutter mit Kinderwagen.

Familiäre Atmosphäre

Die Praxis ist groß. Gefühlt gehen unzählige Türen von diesem großen Eingangsbereich ab. »Ja, manchmal wünsche ich mir, nach Kilometergeld bezahlt zu werden«, scherzt Praxismitarbeiterin Bärbel Herzberger. Und trotzdem oder gerade deswegen geht es hier sehr familiär zu. Die meisten kennen sich. Man duzt sich. Herzbergers Eltern nehmen gerade im Wartezimmer Platz.

Die hausärztliche Versorgung in Lollar sei noch relativ gut, meint Dr. Speier, der seit über 26 Jahren hier niedergelassen ist. »Nichtsdestotrotz haben wir unglaublich viel zu tun, weil auch aus umliegenden Gemeinden und selbst aus Gießen Patienten zu uns kommen.« In der Tat steht der Landkreis Gießen noch verhältnismäßig gut da. Im so genannten Mittelbereich Gießen, zu dem auch die Städte Lollar und Pohlheim gehören, sind nach aktuellem Stand 152 Hausärzte vertragsärztlich tätig. Der Versorgungsgrad liegt laut Kassenärztlicher Vereinigung Hessen bei 101,79 Prozent, aktuell gibt 11,0 freie Hausarztsitze.

Weiterbildung zur Fachärztin

Seit 8 Uhr läuft nun die Terminsprechstunde. In einem der Sprechzimmer sitzt inzwischen Ärztin Maria Broschwitz mit einer Diabetes-Patientin. Auf einer App ihres Handys speichert diese ihre Blutzuckermesswerte. Maria Broschwitz ist als Ärztin in Weiterbildung in der Praxis beschäftigt. Das bedeutet: Sie ist bereits approbierte Ärztin und absolviert gerade die fünfjährige Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin. Ein Großteil dieser Weiterbildung kann im ambulanten Bereich stattfinden. Broschwitz wohnt im Nachbarort, hat zwei kleine Kinder und suchte in der Umgebung nach einer Stelle. Sie habe einfach Glück gehabt, dass hier gerade etwas frei wurde. Dr. Speier und seine Praxiskollegen engagieren sich seit Jahren für den ärztlichen Nachwuchs. Neben Blockpraktika und Famulaturen für Studenten bieten sie jungen Medizinern die Möglichkeit zur Weiterbildung in der Allgemeinmedizin. Die Anfragen würden zunehmend mehr.

Es wird dringend Nachwuchs benötigt

»Wir brauchen halt dringend Nachwuchs, denn die Altersstruktur ist ja bekannt«, sagt Speier. So beträgt das Durchschnittsalter der Hausärzte im Landkreis Gießen knapp 55 Jahre. 34 Prozent von ihnen sind bereits über 60. Der Nachbesetzungsbedarf der Hausärzte bis zum Jahr 2030 liegt bei 59,3 Prozent. Das bedeutet: Fast zwei Drittel der Allgemeinmediziner in dieser Region wird in den nächsten zehn Jahren einen Nachfolger suchen.

Ortswechsel. Es ist 9.30 Uhr. In der Hausarztpraxis in Pohlheim-Grüningen geben sich die Patienten ebenfalls die Klinke in die Hand. Rainer Drommershausen hat einen Termin bei Dr. Jörg Triphan. Wie lange er schon in diese Praxis kommt? »Seit der Doktor meinen Krebs festgestellt hat.« Das ist einige Zeit her, Arzt und Patient haben seitdem ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Sie duzen sich auch. »Wo drückt der Schuh?«, will Dr. Triphan wissen. Drommershausen berichtet von Kopf- und Halsschmerzen. Er habe erhöhte Temperatur. Dr. Triphan diagnostiziert einen Infekt, verschreibt etwas gegen den Husten, füllt die Krankmeldung aus und rät: »Ruh dich aus und viel trinken!« Der Doktor erinnert sich noch, wie es war, als eine Ultraschalluntersuchung den Schilddrüsenkrebs von Rainer Drommershausen mit zu Tage gebracht hat, wie er den Verlauf der Krankheit, die Therapie und auch die Sorgen danach mitbekommen hat. »Das motiviert mich sehr.« Zusammen mit seiner Frau Xenia hat er vor gut fünf Jahren diese Praxis übernommen. Das Paar lebt in Wetzlar und hat zwei Kinder im Grundschulalter. Es sei schon ihr Wunsch gewesen, gemeinsam eine Praxis zu führen, sagt Dr. Xenia Triphan. Die Gelegenheit hier in Pohlheim habe sich dann aber durch Zufall ergeben, da die beiden Vorgängerinnen gleichzeitig aufhören wollten. Der Spagat zwischen Familie und Beruf lasse sich durch die eigene Praxis sehr gut bewerkstelligen. »Gerade wenn ein Kind krank ist, können wir uns die Zeit gut einteilen. Das ist natürlich nicht möglich, wenn man irgendwo Dienst im Krankenhaus hat«, sagt sie.

Entscheidung nie bereut

Bereut haben die Triphans ihre Entscheidung bislang nicht. Das sei auch das falsche Wort, meint er. Wobei es sicherlich Phasen gab, in denen er gemerkt habe, dass die Niederlassung auch Nachteile habe, so z.B. die volle betriebswirtschaftliche Verantwortung.

Was sich in den letzten 20 Jahren am meisten an ihrer Arbeit verändert hat? Da sind sich alle - Ärzte und Praxismitarbeiterinnen - einig. Die Bürokratie und die Anzahl an multimorbiden Patienten sind immer mehr geworden. Die Arbeitsdichte habe erheblich zugenommen, so Speier. Laut Bürokratieindex der Kassenärztlichen Bundesvereinigung benötigt jede Praxis rund 60 Arbeitstage im Jahr allein für die Erfüllung von Verwaltungsaufgaben. Doch für Dr. Uwe Speier steht fest: »Ich würde das genauso wieder machen, weil es für mich keinen schöneren Beruf gibt, als Hausarzt zu sein.« Das findet auch Dr. Jörg Triphan. »In Summe ist es ein abwechslungsreicher und wahnsinnig spannender Job.« In einer Hausarztpraxis kämen alle Altersgruppen zusammen. Vom sechs Monate alten Säugling bis ins hohe Alter - eben ein Menschenleben lang.

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