. Im September vergangenen Jahres sorgte eine Nachricht für viel Aufregung und Unverständnis: Die damals 18-jährige Aysu Muradova war bei einem turnusmäßigen Behördengang zur Verlängerung ihrer Duldung plötzlich verhaftet und noch am selben Tag nach Aserbaidschan abgeschoben worden - trotz in Aussicht stehendem Ausbildungsplatz in der Pflege und deutlich gezeigten Integrationsbemühungen.
Seitdem haben Elmar Schaub von der Lindener Jugendwohngruppe, in der die junge Frau zuletzt gelebt hatte, sowie zahlreiche Unterstützer aus der Gießener Gesellschaft sich für ihre Rückkehr stark gemacht - mit Erfolg. Denn nun steht fest: Spätestens am 8. September - fast ein Jahr nach ihrer Abschiebung - soll Muradova im Flugzeug nach Deutschland sitzen. Frustrierende Hürden hat es dabei allerdings bis zuletzt gegeben.
Keine Hürden mehr
»Ich habe Hoffnung und muss noch ein bisschen warten, aber ich komme zurück nach Deutschland.« Diese zuversichtlichen Worte von Muradova stammen noch aus dem Juni, als der Anzeiger ein telefonisches Interview mit ihr geführt hat. Eigentlich stand ihre Heimreise da bereits kurz bevor. Nachdem auch Landrätin Anita Schneider selbst Aysu Muradova in Baku besucht hatte, konnte die nach der Abschiebung verhängte Wiedereinreisesperre auf den 15. August verkürzt werden. Damit war eine der größten Hürden für die Rückkehr nach Deutschland erfolgreich genommen. Doch das ebenfalls benötigte Visum ließ auf sich warten. Nach einem gestellten Antrag an die Auslandsvertretung in der aserbaidschanischen Landeshauptstadt dann die ernüchternde Nachricht: Voraussichtliche Wartezeit ein Jahr. Doch nun liegt auch das benötigte Visum endlich vor - gültig ab dem 8. September.
Die Behörden würden nun keine Hindernisse mehr für die Rückführung sehen. Schaub gibt sich optimistisch, aber nicht überschwänglich. »Ich kann mich noch nicht wirklich freuen«, sagt er dem Anzeiger im Juni. »Dafür haben wir zu viel behördliche Willkür und politischen Unwillen erlebt.« Feiern wollen Schaub, seine Frau Anna-Lena und die pädagogische Leitung der Wohngruppe, Lina Katz, erst, wenn sie die aus der Jugendwohngruppe gerissene Bewohnerin bald wieder in ihrer Mitte begrüßen können.
Ein Platz im Haus der Jugendwohngruppe sei ihr sicher. »Uns wird ein Riesenstein vom Herzen fallen, wenn dieser Fehler - und es war ein gewaltiger Fehler, sie auszuweisen - revidiert wird«, so Schaub. Spenden, um den Rückflug und die Kosten der Abschiebung zu bezahlen, seien zahlreich zusammengekommen. Den Rest zahle die Jugendwohngruppe notfalls aus eigener Tasche. »Ich freue mich so, alle wieder zu sehen. Auch meine Schule habe ich sehr vermisst«, ist Muradova überglücklich angesichts der guten Neuigkeiten. »Ich habe den ganzen Tag nicht geschlafen. Ich bin so froh, das ist für mich unglaublich.« Derzeit ist sie in Baku noch in einem Frauenhaus untergekommen, betreut ab und an Kinder oder hilft in einem Friseursalon aus.
»Hier ist es langweilig«, konstatiert Muradova. Kaum erwarten kann sie es hingegen, endlich ihren Hauptschulabschluss nachzuholen und ihre Ausbildung zur Pflegehilfskraft im Seniorenzentrum Linden anzutreten. Einrichtungsleiterin Christa Hofmann-Bremer war schon im September 2024 fest überzeugt: »Die junge Frau ist hervorragend geeignet für die Ausbildung als Altenpflegehelferin.« Muradova selbst sieht einen einfachen Grund dafür. »Ich bin selber sehr positiv und habe deswegen einen sehr guten Einfluss auf alte Menschen und gebe ihnen positive Energie.«
Positive Einstellung bewahrt
Gerade diese positive Einstellung sei für die junge Frau im Verlauf des vergangenen Jahres jedoch nicht immer leicht zu bewahren gewesen. Durch die unerwartete Abschiebung habe sie buchstäblich vor dem Nichts gestanden. »Ich habe nur negativ gedacht, es war eine Katastrophe«, erinnert sie sich ungern zurück. »Ich war sicher, mein Leben ist vorbei.« Zwei Tage nach ihrer Ankunft habe sie nur im Flughafen gewartet, bis es gelang, eine Unterkunft für sie zu finden, währenddessen weder gegessen noch getrunken. »Ich hatte sehr schwarze Gedanken, aber jetzt nicht mehr«, richtet Muradova den Blick wieder nach vorne. »Wir müssen stark sein im Leben.«
Ihre unfreiwillige Zeit in Baku hat die 19-Jährige unter anderem auch dazu genutzt, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Zuletzt besuchte sie einen B1-Kurs im deutschen Sprachzentrum. Auch das Anschauen von deutschen Videos und der regelmäßige Kontakt zu deutschen Freunden hätten ihr dabei geholfen, den Anschluss nicht zu verlieren und optimistisch zu bleiben.
Viel Kraft gegeben hätten ihr auch die zahlreichen Solidaritätsbekundungen und der starke Zuspruch aus Gießen - wie etwa bei einer Mahnwache von lautstarken Unterstützern vor dem Regierungspräsidium. »Ich kannte die Leute nicht, aber sie möchten mir helfen«, zeigt sich Muradova gerührt. »Das ist so ein tolles Gefühl!«