Im Fokus des Besuchs von Landrätin Anita Schneider stand der Austausch darüber, wie Inklusion im Landkreis Gießen weiter gestärkt werden kann.
Wie gelingt Teilhabe im Alltag? Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben, arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können? Diesen Fragen ging Landrätin Anita Schneider bei ihrer inklusiven Sommertour durch Einrichtungen und Projekte der Lebenshilfe Gießen nach. Auf Einladung von Lebenshilfe-Vorstand Dirk Oßwald besuchte sie verschiedene Standorte des gemeinnützigen Vereins. Im Fokus stand der Austausch darüber, wie Inklusion im Landkreis Gießen weiter gestärkt werden kann.
Inklusion entsteht nicht am Schreibtisch
"Inklusion entsteht nicht am Schreibtisch, sondern dort, wo Menschen sich begegnen und miteinander ins Gespräch kommen“, betonte Dirk Oßwald. „Solche Termine zeigen, was bereits gut gelingt, machen aber auch deutlich, wo wir gemeinsam noch Herausforderungen lösen müssen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Landkreis ist dafür eine wichtige Grundlage.“
Erste Station war die Bauernhof-Kita in Großen-Buseck. Gemeinsam mit der pädagogischen Leitung Franziska Werthmann und Lebenshilfe-Geschäftsführerin Jennifer Seidler informierte sich Anita Schneider über das Konzept der Einrichtung. Kinder erleben dort Natur mit allen Sinnen, versorgen Tiere und begegnen durch die unmittelbare Nachbarschaft zur Biolandhof-Gärtnerei ganz selbstverständlich Menschen mit Behinderung.
Echte Teilhabe
„Hier entsteht echte Teilhabe, da Kinder schon ein Bewusstsein dafür entwickeln, niemanden zurückzulassen“, sagte Franziska Werthmann. Jennifer Seidler verwies auf die ab August geltende Rahmenvereinbarung Teilhabe für Kinder mit Behinderung in Kindertagesstätten: „Entscheidend ist nun die konkrete Umsetzung vor Ort in enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis und den Trägern.“
Berufliche Teilhabe auf Biolandhof
Wie berufliche Teilhabe gelingen kann, zeigte anschließend der Besuch des Biolandhofs. Bei einem Rundgang mit Mitarbeitenden der Bio-Gärtnerei erhielt die Landrätin Einblicke in die vielfältigen Arbeitsbereiche. Derzeit übernehmen dort 18 Menschen mit Unterstützungsbedarf Aufgaben im Gartenbau, Verkauf, bei Auslieferungen oder im Büro.
Mit einem Mercedes-Benz der aktuellen Oldtimerspendenaktion ging es weiter zur Galerie23 in Gießen. Leiterin Andrea Lührig stellte gemeinsam mit den Künstlern Paul Wander und Alina Schön die aktuelle Ausstellung und die Arbeit im Atelier23 in Linden vor, das Schneider später ebenfalls besuchte. Kunst, so wurde im Gespräch deutlich, schafft Sichtbarkeit und eröffnet neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe.
Win-Win für alle
Auf Wunsch der Landrätin schloss sich ein Austausch mit den Verantwortlichen des Projekts „Vereine werden inklusiv“, der Ehrenamtsagentur „Hand in Hand“ und des Fachdienstes für berufliche Integration an. Neben bereits erzielten Erfolgen wie Schnupperkursen in Vereinen oder dem inklusiven Stammtisch wurden auch bestehende Herausforderungen angesprochen – etwa fehlende Mobilität und Barrieren in den Köpfen. Petra Emin vom Fachdienst zog eine positive Bilanz: Mehr Menschen fänden den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. „Letztlich ist das eine Win-win-Situation für alle.“ Deutlich wurde auch die enge Zusammenarbeit von Landkreis und Lebenshilfe bei der Förderung inklusiver Strukturen.
„Die vielen guten Beispiele und persönlichen Geschichten, die ich kennenlernen durfte, zeigen, dass Inklusion gelingt, wenn Teilhabe und Wertschätzung das Zusammenleben bestimmen - egal ob am Arbeitsplatz, im Atelier oder in der Wohngemeinschaft“, sagte Landrätin Schneider. „Die Kreisverwaltung möchte beim Thema Inklusion dabei gemeinsam mit der Lebenshilfe als erfahrenem Partner vorangehen.“ In einem Modellprojekt beschäftigt die Kreisverwaltung Menschen mit Behinderung, das 2025 mit einem Preis des hessischen Sozialministeriums ausgezeichnet wurde. „Zugleich möchten wir aber auch in anderen Bereichen dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderungen Teilhabe erfahren“, sagte Schneider.
Vielfältige Angebote
Zum weiteren Programm gehörten Besuche des inklusiven Wohnangebots „MitLeben“ und der Reha-Werkstatt Gießen Mitte. Beim gemeinsamen Mittagessen mit der Frauenbeauftragten der Beschäftigten mit Unterstützungsbedarf, Aygül Pulina, standen Mitbestimmung und Selbstvertretung im Fokus. Die Sommertour machte die Vielfalt der Angebote der Lebenshilfe Gießen deutlich. Der enge Austausch mit dem Landkreis bleibt eine wichtige Grundlage, um bestehende Angebote weiterzuentwickeln und neue Wege für mehr Teilhabe zu eröffnen.