Ein besonderer Gedenkstein, der zugleich bewegt und nachdenklich macht, markiert in Lich die Verlegung des 100. Stolpersteins – ein symbolischer Moment, der die intensive und beharrliche Arbeit der Stolperstein-Gruppe eindrucksvoll sichtbar werden lässt.
„Wir möchten die Geschichten der Menschen, die hier lebten, wieder sichtbar machen – im Alltag, im Stadtbild und beim Spazierengehen. Die erste Verlegung fand am 10. April 2019 in Langsdorf statt“, blickte Hille Neumann von der Arbeitsgruppe Stolpersteine Lich anlässlich der Verlegung von fünf weiteren Stolpersteinen an den Beginn zurück.
Künstler selbst vor Ort
Lich hat mit 103 Stolpersteinen im Landkreis die zweitmeisten Stolpersteine aufzuweisen – mehr hat nur die Universitätsstadt Gießen. Die fünf neuen Stolpersteine wurden dieses Mal alle durch Gunter Demnig in der Kernstadt verlegt. Demnig ist der Künstler und Initiator des weltweit größten dezentralen Erinnerungsprojekts.
Wie Neumann ausführte, gibt es mittlerweile 125.000 Stolpersteine in 1.860 Kommunen in mittlerweile 33 europäischen Ländern. Im April 2008 wurde im Landkreis Gießen in Linden der erste Stolperstein verlegt, in Lich vor sieben Jahren. Neumann erinnerte daran, wie wichtig es sei, den Opfern ihre Namen und ihre Würde zurückzugeben.
Opfer der „Euthanasie“-Morde
Im Mittelpunkt der aktuellen Verlegung standen Opfer der „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten. Insgesamt fünf Menschen aus Lich wurden in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet – ein Ort, der wie kaum ein anderer für die systematische Vernichtung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen steht. Zwischen 1941 und 1945 verloren dort rund 15.000 Menschen ihr Leben.
Die Aufarbeitung der „Euthanasie“-Opfer der NS-Zeit hob Bürgermeister Dr. Julien Neubert als besonders anspruchsvolle und zugleich bedeutende neue Aufgabe der Stolperstein-Arbeitsgruppe hervor. Diese Thematik sei lange Zeit deutlich weniger erforscht und öffentlich thematisiert worden als andere Bereiche nationalsozialistischer Verbrechen, weshalb ihre historische Bearbeitung eine besondere Herausforderung darstelle. Gerade vor diesem Hintergrund würdigte Neubert die Arbeit der Stolperstein-AG, die weit mehr als reine Dokumentationsarbeit leiste. Durch intensive Biografiearbeit würden Lebenswege rekonstruiert, Familienschicksale sichtbar gemacht und den Opfern ihre Namen und ihre Geschichte zurückgegeben.
Das beharrliche Engagement der Arbeitsgruppe trage entscheidend dazu bei, Erinnerung in der Stadt lebendig zu halten und auch schwierige Kapitel wie die „Euthanasie“-Verbrechen sichtbar und verständlich zu machen.
„Aktion T4“
Landtagspräsident a.D. Karl Starzacher zeichnete zunächst die historische Dimension der nationalsozialistischen „Aktion T4“ nach und ordnete die Tötungsanstalt Hadamar als zentralen Ort dieses staatlich organisierten Massenmordes ein. Von der Berliner Zentrale in der Tiergartenstraße 4 aus gesteuert, sei hier ab 1941 die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen vollzogen worden – zunächst in Gaskammern, später auch durch tödliche Injektionen und gezielte Vernachlässigung.
Dabei verwies er auch auf die zunehmenden Risse in der Geheimhaltung des Programms. Besonders der kirchliche Widerstand spielte dabei eine wichtige Rolle, allen voran die deutliche öffentliche Kritik des katholischen Bischofs Clemens August Graf von Galen, die das NS-Regime erheblich unter Druck setzte. Dieser wachsende Widerstand trug dazu bei, dass die zentrale Phase der „Aktion T4“ im August 1941 offiziell gestoppt wurde – auch wenn die Morde in veränderter Form fortgesetzt wurden.
Am Ende seines Vortrags wurde Starzacher persönlich und richtete den Blick auf seine eigene Familiengeschichte. Sein Urgroßvater war 1893 als Auswanderer aus New York nach Frankfurt am Main zurückgekehrt, und wurde 1896 in die Heilanstalt Weilmünster eingeliefert, wo er 1917 verstarb. „Es war ein Tabuthema in meiner Familie, wie wohl auch in so vielen anderen Familien“, verriet Starzacher, dass er durch einige Forschungen auf die Akte seines Großvaters gestoßen sei. Mit dieser persönlichen Rückbindung machte er so deutlich, wie nah die Geschichte der NS-„Euthanasie“-Verbrechen bis in heutige Familienbiografien hineinreicht.
Platzierung der Stolpersteine
Ulla Limberger ging vor dem Anwesen Hintergasse 43 auf die Geschichte der Geschwister Ludwig, Katharina und Heinrich Ledermann ein, für die hier jeweils ein Stolperstein verlegt wurde. In der Mittelgasse 13 wurde ein weiterer Stolperstein für den städtischen Waldarbeiter Heinrich Nix und abschließend in der Gießener Straße 11 ein Stolperstein für Emilie Engel gesetzt.
Alle fünf Schicksale verbindet ihr gewaltsames Ende im Rahmen der nationalsozialistischen „Aktion T4“. Es waren Menschen, die einst mitten in Lich lebten, als besonders schutzbedürftig galten – und dennoch von den Nationalsozialisten als „unwert“ diffamiert und systematisch ermordet wurden. Für die Stolperstein-AG bedeutete die Auseinandersetzung mit ihren Lebensgeschichten ein neues, zutiefst erschütterndes Kapitel der NS-Zeit. Im Anschluss an die Verlegung wurde darüber bei einer Zusammenkunft intensiv und bewegt weitergesprochen.