27. Mai 2026, 13:00 Uhr

Gießen

Die Zukunft der Krankenhäuser

Anlässlich der ersten „Balserischen Runde“ lud die Gesundheitsstiftung nach Gießen zur Diskussion über die Zukunft der Krankenhäuser ein.
27. Mai 2026, 13:00 Uhr
Unter dem Titel „Versorgung unter Dach und Fach? Die Zukunft der Allgemeinkrankenhäuser in Deutschland“ diskutierten Prof. Dr. med. Helge Braun (Arzt und Kanzleramtsminister a.D.), Prof. Dr. iur. Christian Höftberger (Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft), Andreas Leipert (Geschäftsführer St. Josefs Krankenhaus Balserische Stiftung) und Prof. Dr. med. Johannes Kruse (Studiendekan FB Medizin der JLU Gießen) über ein aktuelles Thema von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Foto: Balserische Stiftung

,Erörtert wurde im Alten Schloss in Gießen das Thema „Versorgung unter Dach und Fach? Die Zukunft der Allgemeinkrankenhäuser in Deutschland“. Dabei beschrieben die Teilnehmer Prof. Dr. med. Helge Braun, Kanzleramtsminister a.D., Prof. Dr. iur. Christian Höftberger, Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Andreas Leipert, Klinikgeschäftsführer, und Prof. Dr. med. Johannes Kruse, Studiendekan des Fachbereichs Medizin der JLU, jeweils ihre Sicht auf die Folgen der aktuellen Krankenhausreform für die Allgemeinkrankenhäuser des Landes. Die Einschätzungen der Diskutanten reichten von „enormer Chance“ bis „grobes Foul“.     

Hat das vertraute Modell von der örtlichen Klinik, die eine Fülle an Leistungen unter einem Dach anbietet, im Spiegel der Krankenhausreform überhaupt noch Bestand? Zum Hintergrund: Mit der Reform soll das Kliniksystem stärker spezialisiert und wirtschaftlich stabilisiert werden, wozu sogenannte Leistungsgruppen eingeführt werden, die an Qualitätsvorgaben gekoppelt sind. Viele Experten sagen aufgrund dieser Neuerungen eine Schließungswelle von Häusern vor allem im ländlichen Raum voraus.

„Kliniken können effizienter werden“

Prof. Dr. med. Helge Braun, Kanzleramtsminister a.D., Präsident der Lübecker Universität und selbst Humanmediziner, machte dagegen Mut: „Die Allgemeinkrankenhäuser in Deutschland stehen vor großen Herausforderungen – aber auch vor einer enormen Chance: Medizinischer Fortschritt, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Versorgungsformen eröffnen die Möglichkeit, eine älter werdende Gesellschaft besser zu versorgen als je zuvor. Wenn wir jetzt konsequent in Personal, moderne Strukturen und Innovation investieren, können die Kliniken der Zukunft leistungsfähiger, menschlicher und effizienter zugleich werden.“ Braun verwies auf einen „Elefanten im Raum“: Zur Förderung der erforderlichen Umstellungsinvestitionen für die neue Krankenhauswelt durch den Bund sei zunächst die Landeskrankenhausplanung gefordert, festzulegen, wo Kliniken weiterhin benötigt würden und wo nicht. Dies bleibe jedoch vielfach aus, um politisch unpopuläre Schließungen von Einrichtungen zu vermeiden.

„Nicht übergesetzlich zu Insolvenzverordnung“

Prof. Dr. iur. Christian Höftberger, Professor für Gesundheitsökonomie und Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft, betonte: „Die Krankenhäuser, die vor Ort alles vorhalten anbieten wollen, sind oft nicht gut frequentiert. Acht von zehn dieser Kliniken schreiben nachhaltig rote Zahlen. Krankenhäuser gehen auch deshalb oft insolvent, weil sie eine GmbH, also ein Wirtschaftsbetrieb, sind. Das möchten viele Verantwortungsträger vor Ort, auch Minister, nicht glauben, da sie nur den Versorgungsauftrag im Blick haben. Der Versorgungsauftrag ist aber nicht übergesetzlich zur Insolvenzverordnung.“ Bezüglich der Auswirkungen der Reform ergänzte Höftberger: „Der Krankenhaustypus der Zukunft wird ein spezialisierterer sein – und idealerweise im Verbund mit anderen Häusern bzw. ambulanten Partner der Region funktionieren. Ich glaube nicht, dass es Wald- und Wiesen-Krankenhäuser geben kann, die alles anbieten, da sie sich die Vorhaltungen für sämtliche Leistungsgruppen schlicht nicht leisten können.“   

„Viele Häuser werden es nicht schaffen“

Andreas Leipert, Geschäftsführer des St. Josefs Krankenhauses Balserische Stiftung in Gießen, steht einer  Einrichtung vor, der es im Vergleich mit den meisten Allgemeinkrankenhäusern – jedenfalls bisher – gut geht. Eine Klinik, die hochmodern ausgestattet und personell sehr gut aufgestellt ist – und vor allem schwarze Zahlen schreibt. Dennoch solidarisiert er sich mit anderen Häusern: „Ungefähr so wie einem grob gefoulten Fußballer geht es momentan vielen deutschen Krankenhäusern. Sie sind mitten in einer Strukturreform, sind aktiv mit dabei, und bekommen dann mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz die Grätsche“. Er unterstrich, dass die Kürzungen zu empfindlichen Einnahmeverlusten führen werden. „Für die vielen Häuser, denen es wirtschaftlich schon jetzt nicht gut geht, wird sich die Lage noch weiter verschärfen. Kreiskliniken können noch auf Steuermittel hoffen, während die Einrichtungen in freier Trägerschaft diese Möglichkeit nicht haben.“

Leipert ist sicher: „Wir brauchen neben den Großkliniken eine starke zweite Reihe an Krankenhäusern, die sich in einem Qualitätswettbewerb beweisen. Unserem Haus wird das gelingen, aber ich bin leider überzeugt, dass es andere nicht schaffen werden.“ Daher ist der erfahrene Manager auch der Meinung, dass es „bald ein weiteres Stützungsgesetz geben wird, bevor diese Kliniken reihenweise in die Insolvenz gehen.“ Man solle bei der Reform insgesamt mit Augenmaß herangehen, „damit man in zehn Jahren nicht das bereut, was jetzt einen Kahlschlag hervorruft.“

„Anderes Patientenklientel als in den Unikliniken“

Aus einer ganz anderen Perspektive näherte sich Univ.-Prof. Dr. med. Johannes Kruse, Studiendekan des Fachbereichs Medizin der JLU Gießen und Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, der Bedeutung der Allgemeinkrankenhäuser – nämlich in ihrer Funktion als praktische Lehreinrichtungen. „Allgemeinkrankenhäuser haben ein Patientengut mit hoher Komorbidität, ältere Menschen und Patienten mit chronischen Erkrankungen, die stärker an der Schnittstelle zur ambulanten Versorgung stehen. Das Klientel ist schon ein anderes als in hochspezialisierten Abteilungen der Unikliniken. Es gilt, diese Patientengruppen bei der Ausbildung mit zu beachten.“ Immerhin gingen, so Kruse, „epidemiologischen Studien zufolge viele Menschen wegen Leiden wie Hochdruck, unspezifischen Rücken- und Bauchschmerzen, Blasenentzündung, Schwindel, psychosomatischen Störungen, sozialen Problemen und anderen Gründen zum Arzt. Also aus Gründen, die oftmals keiner hochspezifischen Versorgung bedürfen.“ Es gäbe also durchaus „einen Bedarf für die nicht hochspezialiserte stationäre Versorgung. Der muss gut definiert werden, und die Qualitätsstandards müssen klar sein. Das ist auch aus Patientensicht zentral.“

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Reinhard G. Bretzel, Internist und Diabetologe sowie Ärztlicher Vorstand der Stiftung, unterstützte in einem Zusatzkommentar die Ausführungen von Kruse. Er betonte seinerseits die Wichtigkeit, die Klientel der Allgemeinpatienten weiter in entsprechenden Häusern zu versorgen und gleichzeitig den medizinischen Nachwuchs an diese Gruppe heranzuführen. „Für beides sind Allgemeinkrankenhäuser da. Das sollte man nicht vergessen.“

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