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Begegnungen auf Augenhöhe

Die Lebenshilfe Gießen richtete anlässlich des europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung eine inklusive Sportaktion aus.
13. Mai 2022, 13:00 Uhr
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Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher versuchte sich ebenfalls in Rollstuhlbasketball. Foto: Lebenshilfe

»Wenn man einmal im Sportrollstuhl sitzt, will man nicht mehr aufstehen«, sagt Michael Krayl, Promotion-Koordinator des RSV Lahn-Dill aus Wetzlar. Diese Erfahrung durfte auch Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher machen. Den ehemaligen Handballer packte der Ehrgeiz, vom niedrigen Sportrollstuhl den Basketballkorb in 2,30 Meter Höhe zu treffen. Der Ball traf den Korb - Jubel für den Rathauschef und die Gießen 46ers, die an diesem sonnigen Nachmittag eigens in die Sonnenstraße gekommen waren, um Passanten und Passantinnen zum Wurfwettbewerb aufzufordern.

Tempo machen für Inklusion

Oberbürgermeister Becher gab den Startschuss für die inklusive Sportaktion der Lebenshilfe Gießen. »Tempo machen für Inklusion - barrierefrei zum Ziel« lautete das Motto des Protesttages, an dem sich deutschlandweit rund 600 Vereine und Initiativen beteiligten.

Es ging an diesem Tag darum, die Kluft zwischen dem im Grundgesetz verankerten Anspruch auf Gleichberechtigung für alle Menschen und der Lebenswirklichkeit Stück für Stück zu überwinden. Maren Müller-Erichsen, Aufsichtsratsvorsitzende der Lebenshilfe Gießen, wies in ihrer Begrüßung auch auf institutionelle Barrieren hin, die die Lebenshilfe in allen Lebensphasen überwinden will. Das oberste Ziel dabei sei Selbstbestimmung aller Menschen. Becher schloss in der gemeinsamen Begrüßung daran an: Barrierefreiheit bedeute, »dass alle Menschen so selbstbestimmt und eigenverantwortlich wie möglich die Dinge tun können, die sie tun möchten, wie zum Beispiel Sport machen«.

Begegnung benötigt Gelegenheiten. Rund um den Basketballkorb, der neben dem Spielwarengeschäft Fuhr aufgebaut wurde, versammelten sich schnell viele Spielbegeisterte. Die Lebenshilfe, die 46ers und der RSV luden dazu ein, neue Erfahrungen zu machen und dabei die Innenstadt aus einer anderen Perspektive zu erleben - nämlich aus einem Rollstuhl heraus. Mit dabei waren Sozialdezernent Francesco Arman und Samuel Groß, Behindertenbeauftragter der Stadt Gießen, Dirk Oßwald, Vorstand der Lebenshilfe Gießen, und Daniel Tabert, Werkstattrat der Reha-Werkstatt Mitte.

Tabert hatte viele Kolleginnen und Kollegen aus den Reha-Werkstätten der Lebenshilfe mobilisiert, die sich über die Begegnungen im öffentlichen Raum freuten. Aus dem Vogelsberg angereist war Emma. Die Zwölfjährige aus Ulrichstein hatte die Gießen 46ers vor vier Wochen bei einem Spiel erlebt und ist seitdem Feuer und Flamme. Kürzlich trat sie in einen Basketballverein ein: »Für mich war der Nachmittag ein absolutes Highlight. Ich bin begeistert, dass ich alle Spieler der 46ers persönlich treffen konnte!«

Auch 46ers spielten in Rollstühlen

Im Vordergrund des Aktionsnachmittags stand das gemeinsame Spiel auf Augenhöhe. Schließlich mussten sich auch die Profis von den 46ers erst einmal mit den Rollstühlen vertraut machen. Für niemanden war das eine leichte Sache - aber alle hatten viel Spaß im Erleben neuer Erfahrungen. Jörg Schlienbecker, Mitarbeiter der Reha Mitte, bilanzierte den Tag: »Für mich war es eine sehr gute Umsetzung des Mottos ›Tempo machen für Inklusion‹. Es ist gar nicht so einfach, Bewegung in die Sache zu bekommen. Aber das ist uns heute definitiv gelungen.«

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/smlokales/begegnungen-auf-augenhoehe;art2773,807052

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