09. April 2018, 10:48 Uhr

Wetzlar

Ehemalige Sowjetbürger berichten

»Tür an Tür und doch fremd?«, so lautete der Titel einer Gesprächsreihe im Mehrgenerationenhaus Dalheim.
09. April 2018, 10:48 Uhr
Erzählten ihre Geschichte vom Ankommen in Dalheim und dem Leben in der neuen Heimat: Alexander Berle, Larissa Engels und Irma Krieger (v.l.). Foto: Caritas

Dazu eingeladen hatten der Wetzlarer Oberbürgermeister Manfred Wagner und das Quartiersmanagement der »Sozialen Stadt Dalheim/Altenberger Straße«.

»Die Leute in Dalheim kennen sich nicht gut«, so die Quartiersmanagerin der Caritas, Martina Reuter-Becker. Es werde viel übereinander, aber nicht miteinander gesprochen. So entstand die Idee zur Gesprächsreihe.

Bewegende Schilderungen

Den Auftakt machten Irma Krieger, Larissa Engels und Alexander Berle aus dem russischen Kulturkreis. Sehr persönlich und bewegend waren die Geschichten, die die rund 30 anwesenden Gäste zu hören bekamen. Geschichten, die zeigten, wie schwer es sein kann, seine Heimat aufzugeben und in einem anderen Land ein neues Leben aufzubauen.

Irma Krieger, die mit ihrer Familie seit 38 Jahren in Deutschland lebt, berichtete, wie sie mit ihrer Familie, ihrem Mann, der Tochter und den Eltern, von Moldawien nach Deutschland kam. Die erste Station war Weitersheim bei Grünberg, ein kleines Dorf mit sehr netten Menschen. »Wir lebten ein Jahr und drei Monate dort. Dann haben wir eine Wohnung gesucht und so sind wir nach Wetzlar gekommen«, so Krieger. Im Wohnheim gab es Sozialarbeiter, die für die Familie da waren und die bei allen Fragen unterstützten. Mit dem Wechsel in eine andere Stadt war man aber wieder ganz auf sich selbst gestellt. Sie habe gemerkt, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der zum Beispiel bei komplizierten Behördengängen hilft, berichtet Krieger. Sie machte aus dem Makel einen Beruf und arbeitet heute selbst in der Sozialberatung. Zunächst im Wohnheim in Dutenhofen, dann bei der Diakonie Lahn/Dill in Aßlar und Niedergirmes sowie der Caritas im Mehrgenerationenhaus.

Larissa Engels kam im April 1989 mit ihrer Familie von Kasachstan nach Mandeln. Damals kamen viele Menschen aus der ehemaligen DDR und aus Polen nach Deutschland. Im Wohnheim hatten sie eine Betreuerin, die aber überlastet war. In der ersten Zeit war sie oft traurig und weinte viel. Sie fühlte sich alleingelassen. Ihre zweite Tochter wurde geboren und sie blieb zu Hause bei ihren Kindern. Mit der Schwiegermutter besuchte sie einen Sprachkurs. Dann zogen sie nach Werdorf um. »Wir waren sofort integriert. Die Leute kamen, egal ob sie uns verstanden haben oder nicht. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt. Alle waren sehr freundlich«, sagt sie rückblickend. 1997 zog sie mit ihrer Familie nach Dalheim, wo sie ebenfalls freundlich empfangen wurde.

Von der Goldmine in den Basaltsteinbruch

Seit drei Jahren arbeitet Engels ehrenamtlich in der Kinderbetreuung im Mehrgenerationenhaus. »Ich möchte ein bisschen von dem, was ich bekommen habe, zurückgeben«, betonte sie. Sprache sei das Wichtigste, ohne Sprache erreiche man gar nichts. Alexander Berle stammt ebenfalls aus Kasachstan und arbeitete dort in einer Goldmine. Seit 1996 lebt er in Wetzlar. Mit Unterstützung seiner Frau fand er Arbeit in einem Basaltsteinbruch. Durch seine Arbeitskollegen hat er Deutsch gelernt. In Kasachstan waren die Bedingungen sehr schlecht und mehrere Familienangehörige waren schon in Deutschland, deswegen entschloss sich die Familie auch auszuwandern.

Aus dem Publikum kamen Fragen zu Problemen zwischen Russland-Deutschen und der einheimischen Bevölkerung. Warum so wenige Russland-Deutsche am Vereinsangebot teilnehmen, wollte ein Zuhörer wissen. »In Russland gibt es keine Vereinsstruktur und viele wollen erstmal selbst Fuß fassen, bevor sie in einen Verein gehen«, so Krieger. Außerdem sei die Familie sehr wichtig, mit ihr verbringe man die freie Zeit.

Oberbürgermeister Wagner bedankte sich bei allen Gästen für das Zuhören und den regen Austausch. Er regte an, bei Festen und Feiern die eigene Kultur vorzustellen und zu präsentieren und so ein stärkeres Miteinander und gegenseitiges Verständnis zu erlangen.

Die Gesprächsreihe wird am 14. Mai mit dem Schwerpunkt »Nachbarn, die zum Arbeiten nach Deutschland kamen« fortgesetzt.

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